Wenn Fogging wie eine falsche Sklerallinsenstärke wirkt

Wenn Fogging wie eine falsche Sklerallinsenstärke wirkt

Vorderabschnitts-OCT mit sichtbarer Trübung im Reservoir einer Sklerallinse

Ein anonymisierter OCT-Fall zeigt, warum Überrefraktion, Flüssigkeitsreservoir und Linsenoberfläche gemeinsam beurteilt werden müssen.

Eine zusätzliche Überrefraktion von -2,00 dpt rechts und -1,00 dpt links verbesserte den Visus in einer Kontrollsituation jeweils auf 0,5. Trotzdem wurde die Sklerallinsenstärke nicht sofort geändert. Das Vorderabschnitts-OCT zeigte ausgeprägtes Fogging im Flüssigkeitsreservoir; außerdem waren Kratzer auf den Linsenoberflächen sichtbar.

Nach dem Herausnehmen, der professionellen Politur und Reinigung sowie frischer Befüllung erreichte die Person mit denselben Sklerallinsen beidseits 0,5 – nun ohne zusätzliche Überrefraktion.

Dieser Verlauf ist fachlich wertvoll, weil er eine häufige Falle sichtbar macht: Eine Messung bei getrübtem Reservoir beschreibt nicht zwangsläufig die benötigte Linsenstärke.

Der gemessene Verlauf

Die Sklerallinsenversorgung war beidseitig. Seit einigen Wochen wurde stärkeres Fogging wahrgenommen. Bei der Kontrolle ergab sich:

  • rechts zunächst Visus 0,2, mit -2,00 dpt Überrefraktion Visus 0,5,
  • links zunächst Visus 0,25, mit -1,00 dpt Überrefraktion Visus 0,5,
  • nach professioneller Aufbereitung, frischer Befüllung und erneutem Aufsetzen rechts und links Visus 0,5 ohne Überrefraktion.

Der Ausgangsbefund hätte ohne weitere Untersuchung als refraktive Veränderung fehlinterpretiert werden können. Die nachfolgende Kontrolle zeigte jedoch, dass zunächst die optische Qualität des gesamten Systems geklärt werden musste.

OCT: Das Reservoir wird zur sichtbaren Befundebene

Beim Vorderabschnitts-OCT erscheint die Sklerallinse als dünne, bogenförmige Struktur über der Hornhaut. Dazwischen liegt das Flüssigkeitsreservoir. In den Aufnahmen vor der Maßnahme war dieses Reservoir deutlich aufgehellt und partikelreich.

Anonymisierte OCT-Aufnahme mit Fogging im Flüssigkeitsreservoir einer Sklerallinse am rechten Auge
Anonymisierte Vorderabschnitts-OCT-Aufnahme bei deutlichem Fogging. Die Trübung ist im Flüssigkeitsreservoir zwischen Sklerallinse und Hornhaut sichtbar.
Vorderabschnitts-OCT mit sichtbarer Trübung im Reservoir einer Sklerallinse
Auch am zweiten Auge zeigt das OCT eine deutliche diffuse Aufhellung im postlinsalen Reservoir.

Nach dem Absetzen wurden die Sklerallinsen professionell gereinigt und poliert, frisch befüllt und erneut aufgesetzt.

OCT-Kontrolle nach Reinigung und frischer Befüllung mit klarerem Sklerallinsenreservoir rechts
Unmittelbare Kontrolle nach professioneller Politur und Reinigung, frischer Befüllung und erneutem Aufsetzen. Das Reservoir erscheint deutlich klarer.
OCT-Kontrolle nach Reinigung und frischer Befüllung mit klarerem Sklerallinsenreservoir links
Nach der Aufbereitung und frischen Befüllung erscheint auch das zweite Reservoir in der unmittelbaren OCT-Kontrolle klarer.

Weshalb die Überrefraktion allein nicht entscheidet

Eine Überrefraktion beantwortet die Frage, welche zusätzliche sphärozylindrische Wirkung in der jeweiligen Messsituation den Visus verbessert. Sie beantwortet nicht automatisch, warum diese Wirkung gerade erforderlich ist.

Bei Sklerallinsen können mehrere optische Ebenen die Messung beeinflussen:

  • die Korrektionswirkung der Sklerallinse,
  • die Qualität und Klarheit der Linsenvorderfläche,
  • Kratzer oder Ablagerungen auf dem Material,
  • die Trübung im postlinsalen Flüssigkeitsreservoir,
  • die Augenoberfläche und der Tränenfilm.

Darum sollte eine auffällige Überrefraktion bei gleichzeitigem Fogging nicht unkritisch in neue Linsenparameter übersetzt werden. Zuerst muss die Messbedingung optisch sauber sein.

Fogging und Oberflächenkratzer waren zwei getrennte Befunde

Das OCT lokalisierte die Trübung im Reservoir. Bei der Kontrolle der Sklerallinsen waren zusätzlich Kratzer auf der Oberfläche sichtbar. Beides kann die Sehqualität verschlechtern, ist aber nicht dasselbe.

Die professionelle Politur beseitigte die sichtbaren oberflächlichen Kratzer. Durch das Herausnehmen, Reinigen und frische Befüllen wurde zugleich das eingetrübte Reservoir ersetzt. Weil diese Schritte zusammen erfolgten, lässt sich der Visusgewinn nicht einem einzigen Schritt zuordnen.

Der Fall belegt deshalb nicht, dass Polieren Midday Fogging ursächlich behandelt. Er belegt, dass eine systematische Kontrolle eine vermeintliche Stärkenänderung vermeiden und die Sehqualität unmittelbar wiederherstellen kann.

Was das OCT leisten kann

Für Fogging ist das OCT besonders hilfreich, weil es die Beschwerde räumlich einordnet. Es kann zeigen, ob sich diffuse Aufhellungen oder Partikel im Flüssigkeitsreservoir befinden. In Studien wird das Vorderabschnitts-OCT genutzt, um Fogging zu dokumentieren und teilweise zu quantifizieren.

Das OCT beantwortet dennoch nicht allein:

  • warum die Partikel entstehen,
  • ob eine Eintrittsstelle unter der Auflagezone besteht,
  • ob die Vorderfläche schlecht benetzt,
  • ob die Augenoberfläche entzündet oder allergisch gereizt ist,
  • ob die Linsengeometrie verändert werden muss.

Dafür braucht es zusätzlich Anamnese, Spaltlampe, Fluoreszein, Linseninspektion und die Beurteilung nach ausreichender Tragezeit.

Augenoberfläche im weiteren Verlauf

Da bisher kein Tränenersatzmittel verwendet worden war und eine mögliche allergische Mitbeteiligung diskutiert wurde, gehört auch die Augenoberfläche in die weitere Abklärung. Ein konservierungsmittelfreies, mit der Sklerallinsenversorgung kompatibles Tränenersatzmittel kann je nach individueller Situation sinnvoll sein. Eine antiallergische medikamentöse Therapie muss augenärztlich abgestimmt werden.

Praktisches Prüfschema bei deutlichem Fogging

  1. Sehschärfe mit eingesetzten Sklerallinsen dokumentieren.
  2. Vorderfläche und Benetzung an der Spaltlampe prüfen.
  3. Linsen auf Ablagerungen, Kratzer und Materialschäden untersuchen.
  4. Reservoir und Überbrückung im Vorderabschnitts-OCT beurteilen.
  5. Auflagezone, Randverhalten und möglichen Tränenaustausch rundum kontrollieren.
  6. Nach Reinigung und frischer Befüllung erneut Visus und Überrefraktion messen.
  7. Augenoberfläche bei Reizung oder allergischer Symptomatik augenärztlich einordnen lassen.

Fazit

Fogging kann den Visus erheblich reduzieren. In diesem Fall fiel er mit eingetrübtem Reservoir auf 0,2 beziehungsweise 0,25. Nach professioneller Aufbereitung und frischem Aufsetzen wurden mit denselben Sklerallinsen beidseits 0,5 ohne zusätzliche Überrefraktion erreicht.

Das Vorderabschnitts-OCT machte den entscheidenden Befund sichtbar. Es zeigte, dass nicht nur über eine neue Stärke gesprochen werden durfte, sondern zuerst über die optische Qualität des Reservoirs und der Sklerallinsenoberfläche.

Weiterführend: Beschlagen und kurze Tragezeit bei Sklerallinsen · Ablauf einer Sklerallinsenanpassung · Individuelle Sklerallinsen bei komplexen Hornhäuten

Quellen

  1. Fogt JS. Midday Fogging of Scleral Contact Lenses: Current Perspectives. Clinical Optometry. 2021;13:209-219.
  2. Walker MK et al. Nonpolar Lipids Contribute to Midday Fogging During Scleral Lens Wear. Investigative Ophthalmology & Visual Science. 2023;64(1):7.
  3. Fogt JS et al. Lens and solution properties in patients with and without midday fogging. Ophthalmic and Physiological Optics. 2024;44(4):769-773.
  4. Macedo-de-Araújo RJ, Fadel D, Barnett M. How Can We Best Measure the Performance of Scleral Lenses? Current Insights. Clinical Optometry. 2022;14:47-65.

Dieser anonymisierte Fall dient der fachlichen Information. Diagnose und medizinische Behandlung der Augenoberfläche erfolgen augenärztlich.